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Blickpunkt der aktuellen Ausgabe

Der Blickpunkt ist ein Artikel, welcher in jeder Ausgabe erscheint. Er soll einen spannenden Einblick in die Region bieten.

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Von Korruption, Desinformation und der Glücksspielmafia

Am 23. Februar 2026 erzählte Christian Zeier in der Aula der Oberstufe Kirchberg von seinen Erfahrungen als Investigativjournalist in unsicheren Zeiten. Der Anlass wurde vom Bürgerinforum Kirchberg und Umgebung veranstaltet.

Angesichts der sinkenden Reichweite von Qualitätsmedien, der Verbreitung sogenannter Fake News und des Vormarschs künstlicher Intelligenz hat es der Journalismus derzeit schwer. Der stetige und starke Rückgang von Werbeumsätzen in Printmedien, einschneidende Sparmassnahmen und ein grossflächiger Stellenabbau bewirken, dass immer weniger Journalist:innen komplexen Themen auf den Grund gehen und ihre Erkenntnisse an die Öffentlichkeit bringen können. Unsere Medienlandschaft befindet sich in einer tiefgreifenden Finanzierungs- und Vertrauenskrise, die einen grossen Einfluss auf unsere Demokratie hat. Der gebürtige Kirchberger Christian Zeier ist Investigativjournalist sowie Co-Gründer und redaktioneller Leiter von REFLEKT, dem ersten investigativen, unabhängigen und mehrfach preisgekrönten Rechercheteam der Schweiz. In seinem Referat gewährte er anhand von drei Recherchebeispielen Einblicke in seine herausfordernde Arbeit in einem Sektor, der unter enormem Druck steht. Die Informationen in diesem Artikel stammen von Christian Zeier und REFLEKT.
Vom Burgdorfer Tagblatt zu einem CS-Skandal in Mosambik
Seine Karriere begann Christian Zeier bei den regionalen Medien AemmeZytig und Burgdorfer Tagblatt, später arbeitete er als Auslandsreporter bei der Berner Zeitung. Nach einem besonders einschneidenden Erlebnis in Somalia, bei dem sein Konvoi Ziel einer Bombenattacke wurde, entschied er sich zu einer Neuausrichtung seines journalistischen Fokus auf die Schweiz im nationalen und internationalen Kontext. REFLEKT arbeitet heute mit Freelancer:innen und diversen Partnermedien wie dem Beobachter, SRF oder ORF zusammen, um Transparenz zu schaffen, Missstände aufzudecken und mit einer grösseren Informiertheit der Gesellschaft die Demokratie zu fördern. Finanziert wird das sechsköpfige Team aus einem Mix von Stiftungsgeldern, Mitgliederbeiträgen, Grosspender:innen und recherchebezogenen Beiträgen.
So beleuchtete der Referent im Rahmen eines Recherchebeispiels von REFLEKT aus dem Jahr 2019 mit dem Titel «Credit Crisis – Wie Kredite der Credit Suisse eines der ärmsten Länder der Welt in den Ruin trieben. Und weshalb die Schweiz ein Verfahren gegen die Grossbank eröffnen müsste.» einen grossen Finanzierungsskandal mit Schweizer Beteiligung in Mosambik, bei dem von der Bank arrangierte Kredite zur massiven Staatsverschuldung beitrugen und Teile der Mittel zur persönlichen Bereicherung verwendet wurden. Das Beispiel zeigte eindrücklich auf, was es bedeuten kann, in einem politisch repressiven Staat Investigativjournalismus zu betreiben. REFLEKT reiste dazu vor Ort und recherchierte mit der Hilfe von sogenannten «Fixer:innen» – lokalen Journalisten, die das Land kennen, Informant:innen vermitteln und bei Bedarf dolmetschen. Um die Sicherheit der involvierten Personen zu gewährleisten, wurden unter anderem Massnahmen wie das Mieten eines «Safe House» ausserhalb der Stadt und das Unkenntlichmachen von Gesichtern auf Bildern nötig. Der Schutz der Quellen sei einer der wichtigsten Aspekte seiner Arbeit, da Informant:innen ein grosses Risiko auf sich nehmen, erklärte Christian Zeier. Dies sei im Falle von «Credit Crisis» besonders deutlich geworden, als einer ihrer Fixer nach der Abreise des Teams durchsucht worden war, weil man sie per Zufall in der lokalen Berichterstattung über ein örtliches Fest gemeinsam auf einer Videoaufnahme gesehen hatte.

Dubiose Sponsoren und Korruption im Finanzwesen

Korruption und organisierte Kriminalität finden jedoch keineswegs nur ausserhalb unserer Landesgrenzen statt, wie zwei weitere Recherchebeispiele unterstrichen. 2022 deckte REFLEKT gemeinsam mit SRF Investigativ auf, dass hinter «AntePAY», dem damaligen Hauptsponsor des FC Zürichs, die türkisch-schweizerische Glücksspielmafia stand. AntePAY war vordergründig eine normale Bezahlkarte. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei aber um ein Mittel, um illegales Glücksspiel zu ermöglichen. Die Recherche zu diesem Fall barg für die Journalist:innen ebenfalls ein hohes Risiko, da sie es mit einer potenziell gewaltbereiten Gegenseite zu tun hatten. Als Ausgangspunkt diente lediglich eine anonyme Mail mit einem Hinweis, und im Laufe der Recherche warnten verschiedene Leute vor möglichen Konsequenzen. Seit der Publikation des Falls kam es lediglich zu einer einzigen gerichtlichen Verurteilung. AntePAY ist inzwischen kein Sponsor des FCZ mehr.
Dass Investigativjournalismus durchaus einige Parallelen zur Detektivarbeit aufweist, zeigte auch das dritte Fallbeispiel «Türöffner der Korruption» aus dem Jahr 2025. Im Rahmen einer Undercover-Recherche versuchte REFLEKT herauszufinden, wie bereitwillig Schweizer Anwälte und andere Berater dabei helfen, illegale Gelder zu verstecken. Ausgerüstet mit einer versteckten Kamera traf sich ein Schauspieler mit diversen Anwälten, Treuhändern und Vermögensverwaltern. Er gaukelte ihnen glaubhaft vor, eine Summe von mehreren Millionen Franken an Bestechungsgeldern aus Ostafrika in der Schweiz verstecken zu wollen. Das Ergebnis: zwei Drittel der Personen signalisierten Bereitschaft, ihm zu helfen, legten ihre Beziehungen zu Privatbanken offen oder zeigten internationale Wege auf, um illegale Gelder unterzubringen. Im Nachgang wiesen die betroffenen Personen die Vorwürfe zurück.

Unabhängig und unverzichtbar
Inmitten der vorherrschenden Journalismus-Krise verdeutlichte Christian Zeier mit seinen Ausführungen, welchen Mehrwert sein Berufsstand für die Bevölkerung und somit auch für unsere Demokratie leistet. Investigativjournalist:innen decken Verbrechen und Missstände auf und geben Geschädigten eine Stimme. Ihr Einsatz ist risikoreich, aber zeigt Wirkung: Die Recherchen von REFLEKT werden in internationalen und nationalen Medien aufgegriffen, im Parlament diskutiert und von Strafverfolgungsbehörden berücksichtigt. Über dreissig Recherchen wurden bisher publiziert, sieben davon mit nationalen und internationalen Medienpreisen ausgezeichnet. Dennoch sei auch REFLEKT Teil einer kaputten Medienlandschaft, und das Ende der Sparmassnahmen und Kürzungen sei nicht in Sicht, wie der Referent festhielt. Auch der politische und gesellschaftliche Druck auf den Journalismus nehme zu, sei es durch Entwicklungen wie die zur Abstimmung stehende Halbierungsinitiative oder vermehrte Gewalt gegen Journalist:innen.
Zum Schluss ist klar: Einer der wichtigsten Grundpfeiler einer Demokratie ist der Zugang zu unabhängiger und faktenbasierter Information. Es sind Journalist:innen wie Christian Zeier und sein Team, die weiterhin mit grossem Engagement im Einsatz stehen, um diesen Grundpfeiler zu schützen.
Weitere Berichte, Informationen und Möglichkeiten zur Unterstützung von REFLEKT sind unter www.reflekt.ch zu finden. Die nächste Veranstaltung des Bürgerinforums Kirchberg und Umgebung wird am 23. März 2026 in der Aula der Oberstufe Kirchberg durchgeführt. Auf dem Programm steht eine Lesung der Autorin Therese Bichsel aus ihrem Buch «Das Jahr ohne Sonne». Die Anlässe des Bürgerinforums sind öffentlich zugänglich und kostenfrei (Kollekte). Weitere Informationen hierzu sind unter www.buergerinforum.ch zu finden.

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